Abholzung mehrt den Wohlstand nicht

ZEIT, 01 Feb 2017, WELT

Die Nutzung der Waldflächen als Ackerland galt als Voraussetzung, um Wohlstand in die Gemeinden am Amazonas zu bringen. Jetzt belegt eine Studie das Gegenteil

Der Kahlschlag des Regenwalds am Amazonas erwirtschaftet zwar kurzfristige Gewinne, mehrt aber auf Dauer nicht den Wohlstand und die Lebensqualität der beteiligten Gemeinden. Zu diesem Schluss kommt eine im Magazin Science veröffentlichte Studie von Ana Rodrigues von der Universität Cambridge und ihren Kollegen: Sie hatten die entsprechenden sozioökonomischen Kenndaten von knapp 300 Dörfern im Amazonasbecken verglichen, deren Umgebung unterschiedlich stark entwaldet ist.

Demnach verbessern sich zu Beginn der Entwaldung verschiedene Kenndaten wie Lebenserwartung, Alphabetisierungsgrad und Lebensstandard, doch sinken diese Werte rasch wieder, wenn die Entwaldungsfront weiter voranschreitet und sich von der Gemeinde entfernt. Ein Großteil der Wertschöpfung verbleibt zudem nicht bei den alteingesessenen Bewohnern, sondern fließt zuziehenden Holzfällern, Landspekulanten, Großfarmern und Agrarunternehmen zu. Sie wandern später auch wieder ab, wenn die Abholzung neue Gebiete erschließt, und nehmen dabei offensichtlich einen Großteil des Wertzuwachses wieder mit sich.

Für die zurückbleibende Bevölkerung verschlechtern sich die Bedingungen dadurch wieder auf Verhältnisse, wie sie ebenso vor der Landumwandlung herrschten – ein Muster, das die Forscher als Boom-und-Pleite-Entwicklung bezeichnen. Viele der Profite sind sehr kurzfristig – etwa die Einnahmen aus dem Verkauf von Edelhölzern, die schlicht wegfallen, wenn der Wald komplett zerstört wurde. Auch Landwirtschaft und Viehzucht prosperieren nur kurzzeitig, denn die tropischen Böden laugen rasch aus, sodass die Erträge sinken.

Etwa ein Drittel der bis in die neunziger Jahre angelegten Viehweiden wurde kurze Zeit später schon wieder mangels Rentabilität aufgegeben. Bislang galt die Urbarmachung des Regenwalds als wichtige Voraussetzung, um Wohlstand in die betroffenen Gemeinden zu bringen, doch widerlegt dies die nun veröffentlichte Studie. Rodrigues Team schlägt daher vor, Kommunen im Regenwald beispielsweise über Ausgleichszahlungen im Rahmen von Klimaschutzabkommen finanziell zu unterstützen.

Sie sollen eine nachhaltigere Entwicklung einleiten und den Wald schützen. Der brasilianische Bundesstaat Amazonas hat ein derartiges Programm bereits initiiert: Im Rahmen von Bolsa Floresta fördert die Regierung den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung und bezahlt Kleinbauern Entschädigungen, wenn sie im Gegenzug die Entwaldung ihrer Ländereien einschränken.

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